Der Hund von Blackwood Castle (Alfred Vohrer, BRD 1968)

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Alfred Vohrer geht ins Bauerntheater: Nicht nur wegen des rustikalen Settings einer Spelunke im britischen Moor, die sich als einer der zentralen Hauptaustragungsorte des wegen der Laufnummer 25 von der Rialto als großer Jubiläums-Wallace in die Kinos gebrachten Krimis. Auch die prominente Position, die Siegfried Schürenberg als sanft vertrottelter Scotland-Yard-Chef Sir John diesmal einnehmen darf, und die sich nach einem anfangs gemächlichem Erzähltempo zusehends turbulent überschlagende Handlung erinnern eher an Schwänke aus dem rustikaleren Spektrum des Bühnenbetriebs als an den urban angestrichenen Neo-Grusel zumal der schwarzweißen Wallace-Krimis der Rialto-Frühphase.


Ein wenig auf der Strecke bleiben da die Vohrer'schen Kameraspielerereien. Macht aber nichts: Schürenberg - quasi die einzige stehende Figur des Franchise - spielt sich hier mit einer sagenhaften Abfolge von Flachwitzen in Top-Form. Gedankte wurde im das allerdings nicht: Seine Forderungen nach besserer Bezahlung führten zu seiner geflissentlich unkommentierten Subtrahierung aus der Filmreihe, die in der Gunst des Publikums zu diesem Zeitpunkt allerdings eh schon im Sinkflug begriffen war. Auch für Heinz Drache bedeutete "Blackwood Castle" den Abschied von der Reihe: Der sonst auf Ermittlerrollen abonnierte Schauspieler nimmt hier als Schurke seinen Hut.

Den Plot mag auf Wikipedia nachlesen, wer will. Er ist ohnehin - unter Pseudonym von Herbert Reinecker verfasst - soweit abstrus und mittig im Filmverlauf so wenig nachvollziehbar, dass man schnell die Waffen streckt und sich auf den fröhlichen Irrsinn konzentriert. Die Geschichte rund um ein verfallenes Schloss, nacheinander in besagter Spekunke eintreffende Gäste (darunter Horst Tappert noch vor seiner Apotheose als das bundesrepublikanische Augenring-Privat-Eye schlechthin als Schwerenöter), von denen nicht wenige alsbald wieder liegend aus dem Film transportiert werden und eine geheimnisvolle Juwelensammlung bietet hinreichend Ansatzpunkte für Motive aus dem eskapistischen Pulp-Kintopp: Ein ausgestopfter Eisbär leuchtet mit einem Mal rot im Maul, zwei scheel um sich lugende Greise spielen Schach mit präparierten Figuren, es regiert der Spinnweb-Grusel und Atelier-Mysterien auf dem liebgewonnenen grauen Studiolaminatboden nach Berlin-Haselhorster Art.



Dazu gibt es Pythons, einen Killer-Hund mit Zahnprothese und allerlei bestrickende Ideen aus der Wunderwelt des Groschenromans sowie nicht zuletzt den mal wieder wahnwitzig auf der Klaviatur des Irrsinns eingespielten Soundtrack von Peter Thomas. Als Dreingabe haben die Figuren Namen wie "Mr. Connery" und Douglas Fairbanks (natürlich stramm teutonisch "Konnerie" und "Dackless Fehrbenks" ausgesrochen).

Dass die vor den Toren West-Berlins gelegene Pfaueninsel als beliebter Drehort der Wallace-Krimis in diesem Fall eher etwas gerupft als britisch gediegen wirkt, mag der herbstlichen Drehzeit geschuldet sein und vielleicht auch dem mutmaßlichen Ziel, die neblig-moorige Atmosphäre der britischen Hammer-Gruselfilme zu evozieren. Dem Schlösschen auf der Insel hat man jedenfalls kurzerhand einen Aufsatz spendiert - wohl um die Wiedererkennbarkeit der gern genutzten Kulisse etwas zu abzumilden -, der diesem allerdings in der Farbgebung merklich fremd bleibt.

Die kleine Brücke zum Beelitzer Jagdverhau wurde indessen seitdem saniert und erstrahlt heute in minzigem Grün, wohingegen sie bei Rialto noch moorig braun daherkommt. Dafür würde man ins heutige Algenwasser darunter nur noch unter vertraglichen Zusicherung einer zusätzlichen Belastungspauschale steigen. Hier ein frischer Eindruck:



Was schreiben die anderen? Oliver Nöding mag den "Rummelplatz-Charme" des Films, spricht aber auch den "altherrigen Sleaze" an, der insbesondere in den Szenen zwischen Sir John und seiner Assistentin Miss Finley (Ilse Pagé) das Ruder übernimmt. Nicolai Bühnemann sieht in dem Film einen Hauch der Umbruchszeit der späten 60er. Sebastian Schubert spricht von einer "amüsanten Thrillerfarce". Christopher Feldmann lobt das "tolle Ensemble" und die "schöne Stimmung". Onkel Fürchtegott sprach seinerzeit immerhin von "harmloser Unterhaltung". Ungnädiger ist das (leider nur noch via Archive.org abrufbare) Portal zum deutschen Tonfilm: "Herbert Reinecker verkaufte gute Ideen zu jener Zeit scheinbar lieber ans ZDF." Allgemeine Detailinformationen zum Film bietet wie gewohnt das Filmportal.

Außerdem hat das "Deutsche Tonfilm"-Portal ein episches Gespräch mit Vohrers Assistentin Eva Ebner geführt. Nicht nur erklärt sie, dass die Reptilien aus Vohrers Filmen von Werner Schröder, dem Chef des Berliner Aquariums, stammten, sondern sie erinnert sich auch an diese Anekdote von den Dreharbeiten:

"Rainer Brandt spielte darin einen von Hunden verfolgten Gangster. In seiner Not sollte er in ein Moor rasen, das speziell für diese Szene auf dem CCC-Studiogelände ausgehoben war. Wir drehten nachts, es war kalt und nieselig. Rainer kam in einem eleganten, weißen Fellmantel zum Drehort und wollte sich zunächst der Kälte wegen nicht von ihm trennen. Aber das kam nicht in Frage: zum Drehen war ein hellbrauner Trenchcoat vorgesehen - und den musste er anziehen. Die Szene gelang, Rainer war fertig und verschwand durchnässt in der Garderobe. Später, frisch gewaschen und geföhnt, tauchte er wieder am Set auf. Er hatte natürlich wieder seinen schönen Fellmantel an, stellte sich neben mich an den Rand des "Moors" und verfolgte die Dreharbeiten mit dem Hund, der durch das trübe Wasser hetzte. Die Nach war kalt, die Stimmung auf dem Nullpunkt, als ich aus reinem Übermut und um die Stimmung etwas aufzuheitern sagte: "So - und nun gehen wir alle geradeaus." Der einzige, der das Moor in- und auswendig kannte, war Rainer Brandt. Nichtsdestotrotz machte er einen großen Schritt vorwärts. Ich hörte ihn noch "Oh, mein Gott!" sagen, als er auch schon in der Tiefe des Moores verschwand - samt Fellmantel natürlich. Später sagte der entnervte Gardrobiere zu mir: "Da kannst du mal sehen, Evchen, was die Schauspieler alles tun, um einen neuen Mantel zu bekommen." In diesem seltenen Fall hat er den Schauspielern im Allgemeinen und Rainer Brandt im Besonderen Unrecht getan..."